
Hintergrund
Was ist eigentlich Grammatik?
Oft wird Grammatik mit „Regeln für Satzbau“ gleichgesetzt. Richten wir den Fokus jedoch auf soziale Interaktion und Texte, dann reicht dieser Ansatz nicht aus.
Die multimodale Interaktion [1, 2] untersucht Strukturen der menschlichen Kommunikation im Miteinander. Sie untersucht die Frage:
- Wie setzen wir verbale, nonverbale und situative Verhaltenskomponenten ein, um unser Gegenüber zu verstehen und mit ihm eine soziale Beziehung zu gestalten?
- Was sind die Strukturen der sozialen Interaktion?
Erst der multimodale Ansatz ermöglicht es, den Zusammenhang zwischen sprachlicher Ausdrucksweise und sozialen Aspekten zu erforschen. Das gilt übrigens nicht nur für die menschliche Kommunikation, sondern auch für die von Delfinen.
Ebenso brauchen wir für die schriftliche Kommunikation einen Ansatz, der über die Satzregeln hinausgeht. Die Textgrammatik untersucht die sprachlichen (und grafischen) Elemente in ihrer Funktion. [3, 4] So gilt es zu klären:
- Aus welchen Elementen besteht der Text?
- Wie sind die Elemente angeordnet?
- Wie sind diese Elemente miteinander verknüpft?
- Wie erzeugen alle sprachlichen und visuellen Elemente im Text die Bedeutung für eine bestimmt Zielgruppe?
Diese wissenschaftliche Methode ist zum Beispiel ein fruchtbarer Ansatz für die Analyse von Erpresserbriefen und für die Prozesse bei der Erfindung der Schrift.
Mit anderen Worten: Grammatik ist nicht nur ein Regelwerk, das unsere Sprache strukturiert, sondern viel mehr als das. Und genau das ist das Spannende!
In meinen Vorträgen halte ich es mit der Theorie nach dem Motto: So viel wie nötig, so wenig wie möglich!
Quellen:
[1] Goodwin, Ch. (2018) Why Multimodality? Why Co-Operative Action? Social Interaction: Video-Based Studies of Human Sociality, vol. 1, no. 2.
[2] Deppermann, A. (2013) Introduction: Multimodal interaction from a conversation analytic perspective. In: Deppermann, Arnulf (Hrsg.) Conversation Analytic Studies in Multimodal Interaction. Journal of Pragmatics ,46, 1). S. 1-7
[3] Harweg, R. (1972) Stilistik und Textgrammatik. In: LiLi 2, Η . 5, 71-81.
[4] Weinrich, H. (1993) Textgrammatik der deutschen Sprache. Unter Mitarbeit von Maria Thurmair, Eva Breindl und Eva-Maria Willkop. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1993.
