
Kriminalfälle: Mit Grammatik Verbrechen aufklären
Kann es gelingen, einen Täter anhand eines einfaches Textes zu entlarven? Ja, das kann es! Und zwar dank der ab 1945 entwickelten forensischen Linguistik. Damals ging es in England um eine bestimmte Auffälligkeit in einem Polizei-Protokoll und um nicht weniger als den Anstoß zur Abschaffung der Todesstrafe.
Im 20. Jahrhundert wurde diese Technik weiterentwickelt, sodass weltweit Kriminalfälle mittels grammatischer Analyse gelöst werden konnten. Hier einige Beispiele:
- Die Erfindung des „Sprachlichen Steckbriefs“ 1951 – Schwedens spektakulärster Rechtsfall des 20. Jahrhunderts. [4]
- Reaktion auf die Terroranschläge der Roten Armee Fraktion 1977 – Das Bundeskriminalamt entwickelt die forensische Linguistik systematisch weiter. [5]
- Drohbrief an eine Firma – Grammatische Fehler verraten den Täter. [6]
- Abschiedsbrief in Sydney – Grammatische Indizien beantworten die Frage, ob es Mord oder Suizid war. [7]
- Verleumdungsbriefe an ein deutsches Unternehmen – Ein winziges grammatisches Detail ist richtungsweisend für die Ermittlung des Täters. [8]
- Fingierte Fehler um einen Migrationshintergrund vorzutäuschen – Wie Täter sich selbst eine Falle stellen. [9,10]
- Untersuchung von 200 Erpresserbriefen – Täter enthüllen ihre zwischenmenschlichen Bedürfnisse in grammatischen Mustern. [11]
All diese Aufsehen erregenden Fälle sind Beispiele für die Macht der Grammatik bei der Forensik. Nicht schlecht, oder?
Quellen:
[1] Coulthard, R.M. 2000. ‘Whose Text Is It? On the Linguistic Investigation of Authorship’. In in Sarangi, S. & Coulthard, R.M. (Hrsg.) Discourse and Social Life. London: Longman, S. 270–89.
[2] Svartvik, J. 1968. The Evans' statements. A case for forensic linguistics. Universität Göteborg.
[3] Davie, M. 1956. Zu viele Henker, keine Gehenkten. Um die Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien. Die Zeit Nr. 8.
[4] Johannisson, T. 1973. Ett språkligt signalement. Stockholm: Almqvist & Wiksell.
[5] BKA 2020. Autorenerkennung. www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Ermittlungsunterstuetzung Kriminaltechnik/Biometrie/Autorenerkennung/autorenerkennung_node.html (abgerufen 28.11.2020).
[6] Stein, St. & Baldauf, Ch. 2000. Feste sprachliche Einheiten in Erpresserbriefen. Empirische Analysen und Überlegungen zu ihrer Relevanz für die forensische Textanalyse. Zeitschrift für germanistische Linguistik Band 28 Heft 3.
[7] Eagleson, R. 1994. Forensic analysis of personal written textes: a case study. In: Gibbons, R. (Hrsg.) Language and the law, S. 363-73.
[8] Kniffka, H. 1990. Autorschafts-Ausschluss: Ein 'Liquet' und ein 'Non-Liquet'. In Kniffka, H. (Hrsg.) Texte zu Theorie und Praxis forensischer Linguistik. Max Niemeyer Verlag. Tübingen. S.437-456.
[9] Dern, Ch. 2009. Autorenerkennung. Theorie und Praxis der linguistischen Tatschreibenanalyse. Stuttgart: Richard Boorberg Verlag.
[10] Dern, Ch. 2003a. Unhöflichkeit ist es nicht: Sprachliche Höflichkeit in Erpresserschreiben. In: Deutsche Sprache. 31(3). S. 127-141.
[11] Fobbe, E. 2006. Foreigner talk als Strategie. Überlegungen zu Fehlergenese in Erpresserschreiben. In: Wichter, Sigurd/Busch, Albert (Hrsg.) Wissenstransfer – Erfolgskontrolle und Rückmeldungen aus der Praxis. Frankfurt a.M.: Peter Lang, S.149- 165.
